Jakob Lorber, Teil 3
Ergänzen Lorbers Schriften die Bibel oder beanspruchen sie, diese zu korrigieren?
Dieser Beitrag fasst Johanna Böhms Untersuchung zusammen und zeigt, welche Autorität die Neuoffenbarung gegenüber den biblischen Texten für sich beansprucht.
Teil 3 der Artikelserie „Jakob Lorber kritisch betrachtet – nach Johanna Böhm“
Wer Lorbers Schriften als Ergänzung zur Bibel liest, kann zunächst den Eindruck gewinnen, dort lediglich ausführlichere Antworten auf bekannte Glaubensfragen zu finden. Jesus spricht, biblische Personen treten auf, und vertraute Geschichten werden weitererzählt.
Johanna Böhm stellt jedoch eine grundlegende Frage: Ergänzt die Neuoffenbarung die Bibel, oder beansprucht sie, über deren Wahrheit zu entscheiden? Nach ihrer Untersuchung geht es um einen Wechsel der maßgeblichen Autorität. Lorbers Texte sollen bestimmen, welche biblischen Aussagen zuverlässig sind und wie Jesus wirklich zu verstehen sei.
Dieser Beitrag fasst Böhms Argumentation zum Verhältnis von Neuoffenbarung und Bibel zusammen. Auch ihr eigenes Bibelverständnis wird vorgestellt. Der Autor dieser Zeilen teilt ihre Unterscheidung zwischen biblischer Inspiration und einem wortweisen göttlichen Diktat.
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Warum soll eine neue Offenbarung notwendig sein?
Böhm eröffnet das entsprechende Kapitel mit der Frage, weshalb Christen überhaupt eine Neuoffenbarung benötigen sollten. Sie unterscheidet dabei zwischen Gottes persönlicher Führung eines Menschen und einem neuen Werk, das mit verbindlichem Offenbarungsanspruch auftritt.
Nach ihrer Darstellung begründet die Neuoffenbarung ihre Notwendigkeit wesentlich dadurch, dass sie die vorhandenen biblischen Schriften abwertet. Deren vermeintliche Mängel sollen zeigen, warum eine neue, reine Mitteilung erforderlich sei.
Dadurch entsteht ein eigener Begründungszusammenhang: Die Neuoffenbarung erklärt zunächst die Bibel für unzuverlässig und bietet sich anschließend selbst als notwendige Korrektur an. Wer diese Darstellung übernimmt, liest die Bibel bereits unter dem Vorbehalt, dass Lorbers Texte sie berichtigen müssten.
Grundlage: Böhm, S. 211–214.
Was sagen die von Böhm angeführten Lorbertexte über die Evangelien?
Böhm zitiert ausführlich aus der Kundgabe „Über die Evangelien“ vom 24. April 1864, die in den „Himmelsgaben“, Band 3, enthalten ist. Darin werden den Evangelisten Erfindungen und den späteren Überlieferern entstellende Zusätze vorgeworfen.
Der in diesem Text sprechende „Jesus“ erklärt nach Böhms Wiedergabe, dass die Evangelien in wichtigen Punkten nicht die Wahrheit wiedergäben. Bei der Frage nach der Zuverlässigkeit der zuvor genannten Evangelisten Lukas und Matthäus lautet die Antwort:
„Und die Antwort darauf lautet: An und für sich keiner!“
Jakob Lorber: Himmelsgaben, Band 3, „Über die Evangelien“, 24. April 1864; zitiert nach Böhm, S. 212.
Böhm führt anschließend Aussagen an, in denen die Beseitigung der als falsch bewerteten Inhalte gefordert wird. Lorbers „Großes Evangelium Johannes“ soll nach ihrer Einordnung an die Stelle der beanstandeten Evangelien treten.
Die Vorwürfe gegen die biblische Überlieferung sind hier zunächst Behauptungen der Neuoffenbarung. Dass der Text sie Jesus in den Mund legt, beweist ihre Richtigkeit noch nicht. Genau dieser Autoritätsanspruch steht zur Prüfung.
Grundlage: Böhm, S. 211–214; ergänzend S. 47–48.
Ergänzung oder übergeordnete Autorität?
Eine Auslegung versucht, einen vorliegenden Text zu verstehen. Bei dem von Böhm beschriebenen Anspruch der Neuoffenbarung liegt der Fall anders: Lorbers Schriften beanspruchen, über die Verlässlichkeit der biblischen Texte selbst zu urteilen.
Diese Verschiebung lässt sich an drei Fragen verdeutlichen:
- Wer erklärt Jesus? Nach Böhms Darstellung soll die Neuoffenbarung mitteilen, was Jesus tatsächlich gesagt und gemeint habe.
- Wer entscheidet über Widersprüche? Die neue Mitteilung beansprucht, Fehler der überlieferten Evangelien erkennen und korrigieren zu können.
- Was gilt im Konfliktfall? Wird dieser Anspruch anerkannt, erhält die Neuoffenbarung gegenüber entgegenstehenden biblischen Aussagen Vorrang.
Darum bezeichnet Böhm die Neuoffenbarung als einen Angriff auf die Autorität der Bibel mit dem Anspruch, sie zu ersetzen. Die Frage betrifft also nicht bloß zusätzliche Einzelheiten aus dem Leben Jesu. Sie betrifft die Grundlage, auf der Jesus, sein Wirken und seine Botschaft verstanden werden.
Grundlage: Böhm, S. 43–48 und 211–214.
Welche Rolle spielt die behauptete Wiederkunft Christi?
Schon im ersten Teil der Serie wurde der weitreichende Anspruch der Neuoffenbarung vorgestellt. Böhm zeigt, dass die Texte ihre Entstehung mit einem erneuten Kommen Christi verbinden. Das neue Offenbarungswerk soll demnach mehr sein als die persönliche Deutung eines Menschen.
Auch die Verheißung des Trösters aus Johannes 14,26 werde auf die Neuoffenbarung bezogen. So erhalten vertraute biblische Aussagen innerhalb des neuen Werkes eine Deutung, die dessen eigene Autorität begründen soll.
Wer diese Deutung übernimmt, begegnet in Lorbers Texten aus seiner Sicht Christus selbst. Kritik an den Texten kann dann wie eine Zurückweisung Jesu erscheinen. Für Böhm ist es deshalb notwendig, den behaupteten Sprecher und die tatsächlichen Aussagen des Werkes kritisch zu unterscheiden.
Grundlage: Böhm, S. 43–48.
Böhms Gegenfrage: Warum wird dann die Bibel anders beurteilt?
Böhm belässt es nicht bei der Kritik an Lorber. Im Kapitel „Sola Scriptura“ greift sie einen möglichen Einwand auf: Wenn wissenschaftliche Fehler, ethische Schwierigkeiten oder Widersprüche gegen die Neuoffenbarung angeführt werden, weshalb gelten entsprechende Anfragen nicht ebenso gegenüber der Bibel?
Ihre Antwort hängt mit ihrem Verständnis der Entstehung biblischer Texte zusammen. Sie unterscheidet eine über viele Zeiten gewachsene Sammlung menschlicher Glaubenszeugnisse von einem Werk, das ein unmittelbares und vollkommenes Diktat Jesu für sich beansprucht.
Damit fordert sie, den jeweiligen Anspruch eines Textes ernst zu nehmen. Bei einem Bericht verschiedener Menschen muss nach Perspektive, Situation und Absicht gefragt werden. Ein angeblich wortweise mitgeteilter Text eines allwissenden Sprechers setzt nach ihrer Argumentation andere Erwartungen.
Grundlage: Böhm, S. 221–228.
Inspiration ist für Böhm kein wortweises Diktat
Als Beispiel führt Böhm den Anfang des Lukasevangeliums an. In Lukas 1,1–4 beschreibt der Verfasser nach ihrer Auslegung seine Beschäftigung mit überlieferten Berichten und Augenzeugenzeugnissen. Er sammelt, prüft und ordnet, um eine zusammenhängende Darstellung zu verfassen.
Auch die Unterscheidung in 1. Korinther 7,12 zwischen einer Aussage des Paulus und einem Wort des Herrn zieht Böhm heran. Sie versteht solche Stellen als Hinweise auf die erkennbare menschliche Mitwirkung an den biblischen Texten.
Die Aussage aus 2. Timotheus 3,16, die Schrift sei von Gott eingegeben, deutet sie deshalb nicht als Beschreibung eines wortweisen Diktats. Für sie haben die Schriften ihren Ursprung in der Begegnung mit Gott und bezeugen dessen Geschichte mit Menschen.
Der Autor dieser Zeilen teilt diese Position: Die Bibel ist von Gott inspiriert, und ihre menschlichen Verfasser bleiben mit ihrer Sprache, ihrer Zeit, ihren Erfahrungen und ihren jeweiligen Absichten erkennbar. Inspiration ist nicht mit einem wortweisen inneren Diktat gleichzusetzen.
Ebenso teilt der Autor Böhms Unterscheidung zwischen Jesus Christus und dem Buch, das ihn bezeugt. Mit dem „Wort“ in Johannes 1 ist nach dieser Auslegung Christus gemeint. Die Bibel führt zu ihm und bezeugt ihn; sie ist nicht selbst mit seiner Person gleichzusetzen.
Grundlage der hier geteilten Auslegung: Böhm, S. 222–227. Die genannten Bibelstellen werden im Zusammenhang ihrer Argumentation wiedergegeben.
Warum unterschiedliche Textarten unterschiedliche Fragen verlangen
Im anschließenden Vergleich erläutert Böhm ihre Unterscheidung an mehreren Themen. Ihre Gegenüberstellung lässt sich so zusammenfassen:
Naturbeschreibungen
Böhm versteht die Bibel als Zeugnis von Geschichte und Heilsgeschichte. Darin werde auch die Weltsicht der jeweiligen Schreiber sichtbar. Die Neuoffenbarung trete hingegen ausdrücklich mit dem Anspruch auf, Naturvorgänge wissenschaftlich zu erklären und vorhandenes Wissen zu berichtigen. Deshalb seien ihre entsprechenden Aussagen an diesem Anspruch zu messen.
Unterschiedliche Darstellungen
Bei mehreren menschlichen Zeugen erwartet Böhm Unterschiede der Wahrnehmung und Darstellung. Solche Unterschiede würden ein gemeinsames Geschehen nicht automatisch widerlegen. Ein Werk, das sich auf einen einzigen allwissenden Sprecher beruft, könne Widersprüche dagegen nicht ohne Weiteres auf verschiedene menschliche Perspektiven zurückführen.
Ethisch schwierige Aussagen
Böhm verschweigt Gewalt und problematische Handlungen innerhalb der Bibel nicht. Sie versteht diese auch als Zeugnisse menschlicher Abgründe innerhalb der überlieferten Geschichte. Davon unterscheidet sie Aussagen, die in der Neuoffenbarung als unmittelbare Belehrung Jesu vorgetragen werden.
Diese Gegenüberstellung verlangt eine genaue Beschäftigung mit Textart, Zusammenhang und Sprecher. Gerade darin liegt für Böhm ein wesentlicher Unterschied zu der Vorstellung, jede Aussage unmittelbar als göttliches Diktat lesen zu müssen.
Grundlage: Böhm, S. 228–232.
Was bedeutet das für die Beschäftigung mit Lorber?
Nach Böhms Argumentation genügt es nicht, auf die vielen christlichen Begriffe und biblischen Bezüge der Neuoffenbarung hinzuweisen. Entscheidend ist, welche Bedeutung diese Begriffe innerhalb der Lehre erhalten und wer über sie bestimmen darf.
Ein Werk kann von Jesus sprechen und zugleich dessen Person und Botschaft in einen neuen Zusammenhang stellen. Wer deshalb Lorber prüft, muss nach Böhm sowohl den Offenbarungsanspruch als auch die konkreten Lehrinhalte betrachten.
Die Ablehnung dieses Anspruchs setzt für sie nicht voraus, Gottes persönliche Führung zu bestreiten. Bereits zu Beginn ihrer Untersuchung unterscheidet sie die Kritik an der Neuoffenbarung vom Glauben an Gott, Jesus und seine Hilfe. Ihr Anliegen ist, die Prüfung eines bestimmten Werkes zu ermöglichen, ohne den Glauben seiner Leser insgesamt infrage zu stellen.
Grundlage: Böhm, S. 49–50 und 211–232.
Vom Autoritätsanspruch zur Frage der Erlösung
Böhm kommt zu dem Ergebnis, dass die Neuoffenbarung nach ihrem eigenen Anspruch die Bibel korrigieren und überbieten will. Zugleich verteidigt sie ein Bibelverständnis, das göttliche Inspiration und menschliche Verfasserschaft zusammendenkt. Der Autor dieser Zeilen schließt sich dieser grundlegenden Unterscheidung an.
Damit rückt die nächste Frage in den Mittelpunkt: Was ändert sich am Evangelium, wenn Lorbers Darstellung von Jesus maßgeblich wird? Welche Bedeutung erhalten Kreuz, Gnade und die eigene Leistung des Menschen?
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Quelle: Johanna Böhm: Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht. 2011, S. 43–50, 211–214 und 221–232. Als Bezugsseite der verwendeten PDF wurde jakoblorber.com angegeben.
Dieser Beitrag fasst die genannten Buchabschnitte in eigenen Worten zusammen. Lorberzitate und die im Buch behandelten Bibelstellen werden ausschließlich über Böhm wiedergegeben; weitere Quellen wurden für diesen Beitrag nicht herangezogen. Die Zustimmung des Autors zu ihrem Verständnis von Inspiration ist ausdrücklich gekennzeichnet. Abbildungen aus dem Buch werden nicht übernommen.
