Teil 5: Jakob Lorber – Naturwissen und Widersprüche

Jakob Lorber, Teil 5

Jakob Lorber

Beweisen wissenschaftliche Aussagen den göttlichen Ursprung von Lorbers Schriften?

Johanna Böhm untersucht Naturbehauptungen und innere Widersprüche. Der Beitrag stellt ihre Kritik vor und erklärt, warum christlicher Glaube diese Neuoffenbarung nicht braucht.

Teil 5 der Artikelserie „Jakob Lorber kritisch betrachtet – nach Johanna Böhm“

Jakob Lorbers Neuoffenbarung beansprucht, von Jesus Christus selbst zu stammen. Ein Argument für diesen Anspruch lautet: Lorber habe wissenschaftliche Erkenntnisse vorweggenommen, die ein Mensch seiner Zeit aus eigener Kraft nicht hätte kennen können.

Johanna Böhm prüft diese Begründung an ausgewählten Naturbehauptungen und an Widersprüchen innerhalb der Schriften. Dabei geht es um mehr als die Frage, ob sich ein Autor des 19. Jahrhunderts geirrt hat. Wer seine Aussagen als unmittelbare Belehrung des allwissenden Gottes ausgibt, muss sich an diesem Anspruch messen lassen.

Der Autor dieser Zeilen teilt diesen Einwand. Unser Vertrauen als Christen gilt Jesus Christus und dem biblischen Evangelium. Wir müssen die Autorität einer inneren Stimme nicht anerkennen, nur weil deren Texte christliche Namen verwenden und außergewöhnliches Wissen versprechen.

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Das Argument: Wissen, das nur von Gott kommen könne

Böhm behandelt zunächst Wilhelm Kirchgässer, der unter dem Namen Kurt Eggenstein veröffentlichte. Sein Buch „Der unbekannte Prophet Jakob Lorber“ soll durch Vergleiche mit wissenschaftlichen Erkenntnissen die Echtheit der Neuoffenbarung belegen.

Die von Böhm wiedergegebene Argumentation ist weitreichend: Lorbers Aussagen hätten sich bis in Einzelheiten bestätigt; deshalb könne am göttlichen Ursprung seiner Schriften kein begründeter Zweifel bestehen.

Ein solcher Schluss verlangt jedoch mehr als einige eindrucksvoll klingende Übereinstimmungen. Auch die übrigen Aussagen zum jeweiligen Thema müssen berücksichtigt werden. Ein möglicher Treffer macht widersprechende oder unzutreffende Behauptungen nicht bedeutungslos.

Grundlage: Böhm, S. 51–55.

Warum einzelne Treffer als Beweis nicht ausreichen

Als Beispiel nennt Böhm eine Formulierung, die Licht mit elektromagnetischer Schnelligkeit verbindet. Kirchgässer führt sie als wissenschaftliche Vorwegnahme an. Böhm fragt daraufhin, wie elektrische und magnetische Begriffe in den übrigen Schriften verwendet werden.

Ihre Untersuchung zeigt eine Vielzahl solcher Erklärungen: Sie betreffen unter anderem den Mondlauf, Vorgänge im menschlichen Körper und sogar das Wesen Gottes. Der zunächst auffällige Satz steht damit in einem viel größeren Zusammenhang von Behauptungen.

Böhms Einwand ist nachvollziehbar: Wenn ein Begriff auf zahlreiche, ganz unterschiedliche Vorgänge angewendet wird, darf man nicht nur die passende Formulierung herausgreifen und als Offenbarungsbeweis präsentieren. Die übrigen Aussagen gehören zur Prüfung dazu.

Für den christlichen Glauben folgt daraus: Unsere Gewissheit über Christus darf nicht von einer Auswahl vermeintlicher wissenschaftlicher Treffer eines Neuoffenbarers abhängig gemacht werden. Ein solcher Beweis muss erst tragen, bevor er religiöse Autorität begründen könnte.

Grundlage: Böhm, S. 52–55.

Nord- und Südpol: konkrete Behauptungen über die Erde

Im Abschnitt über die „Naturzeugnisse“ untersucht Böhm Lorbers Beschreibungen der Polargebiete. Die von ihr zitierten Texte sprechen von einer ununterbrochenen Nacht am Nordpol, riesigen kraterartigen Öffnungen und davon, dass Menschen diese Gegend niemals erreichen könnten.

Die Erde wird darin wie ein Körper mit Aufnahme- und Ausscheidungsorganen beschrieben. Ausströmungen am Südpol sollen zudem ihre Bewegung bewirken. Böhm stellt diesen Angaben die in ihrem Buch dokumentierte Erreichung und Erforschung der Polargebiete gegenüber.

Entscheidend ist dabei, dass Lorbers Text ausdrücklich eine Beschreibung der körperlich sichtbaren Welt ankündigt. Böhm führt die Unterscheidung zwischen einer Betrachtung mit geistigen Augen und einer solchen mit den „Augen des Fleisches“ an. Die konkreten Naturbehauptungen lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres zu bloßen Sinnbildern erklären, sobald sie Schwierigkeiten bereiten.

Als Christen müssen wir solche Aussagen nicht verteidigen, um an Gottes Schöpfung festzuhalten. Hier steht die Glaubwürdigkeit von Lorbers behauptetem Diktat zur Prüfung. Der Glaube an den Schöpfer verpflichtet nicht dazu, einem Neuoffenbarer jede Erdbeschreibung abzunehmen.

Grundlage: Böhm, S. 56–64. Die Abbildungen und fotografischen Belege des Buches werden hier nicht übernommen.

Vogelflug durch Wasserstoff?

Ein besonders ausführliches Beispiel findet Böhm im „Großen Evangelium Johannes“. Dort lässt Lorber den Engel Raphael erklären, wie Vögel fliegen könnten. Aus aufgenommenem Wasser würden sie Wasserstoff erzeugen und damit Federkiele und Knochenröhren füllen.

Der Vogel werde dadurch nach dem zitierten Text so leicht wie ein Menschenhaar. Seine Flügel könnten das verbleibende Gewicht dann mühelos überwinden.

Böhm prüft diese Vorstellung mit einer Überschlagsrechnung. Sie setzt für einen Spatz eine Masse von ungefähr 30 Gramm an und räumt der Erklärung ein Gasvolumen ein, das sogar größer ist als der ganze Vogel. Selbst unter dieser großzügigen Annahme ergäbe sich nach ihrer Rechnung eine Erleichterung von weniger als fünf Gramm. Der Vogel hätte weiterhin mehr als 25 Gramm Masse. Mit dem behaupteten Gewicht eines Menschenhaars wäre das nicht vereinbar.

Die Zahlen sind hier als Böhms Rechnung wiedergegeben. Ihr Argument zielt auf die Größenordnung: Selbst eine zugunsten der Behauptung stark übertriebene Annahme würde das versprochene Ergebnis nicht liefern.

Das Beispiel ist auch deshalb bedeutsam, weil der Text damit die überlegene Weisheit Jesu und seines Engels zeigen will. Gerade diese beanspruchte göttliche Belehrung erweist sich in Böhms Untersuchung als unzuverlässig. Solche Erklärungen sollten wir Jesus Christus nicht zuschreiben, nur weil Lorber sie unter seinem Namen überliefert.

Grundlage: Böhm, S. 65–74; Lorberstelle: Großes Evangelium Johannes, Band 10, Kapitel 227, Vers 1, bis Kapitel 228, Vers 8. Böhms Rechnung steht auf S. 69.

Die Probleme beschränken sich nicht auf einzelne Naturtexte

Im Kapitel „Erde und Mond“ stellt Böhm weitere Behauptungen zusammen. Dazu gehören eine Erklärung von Ebbe und Flut durch das Atmen der Erde sowie Schilderungen von Menschen, Tieren („Mondschafe“), Gewässern und Landwirtschaft auf der Mondrückseite.

Mit dieser Auswahl will sie zeigen, dass ihre Kritik nicht an einer einzigen missverständlichen Formulierung hängt. Die problematischen Naturbeschreibungen treten nach ihrer Untersuchung in unterschiedlichen Werken und Zusammenhängen auf.

Für die Bewertung müssen deshalb die konkreten Aussagen und ihr jeweiliger Anspruch zusammen betrachtet werden. Begeisterung über den Umfang der Schriften ersetzt diese Prüfung nicht. Eine Lehre gewinnt auch nicht dadurch an Wahrheit, dass sie besonders viele Fragen beantwortet.

Grundlage: Böhm, S. 75–77.

Widersprüche innerhalb der Schriften: Wo war Cornelius?

Für einen weiteren Teil ihrer Kritik benötigt Böhm keinen Vergleich mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie stellt verschiedene Lorbertexte über dasselbe Ereignis nebeneinander: die Suche nach dem zwölfjährigen Jesus in Jerusalem.

Beim Vergleich von „Die Jugend Jesu“, Kapitel 298, mit „Drei Tage im Tempel“ arbeitet sie unter anderem folgende Unterschiede heraus:

  • Cornelius: In der einen Darstellung ist er in Jerusalem und unterstützt Joseph bei der Suche. In der anderen wird er als geschäftlich in Tyrus abwesend beschrieben.
  • Die Rückkehr: In der einen Darstellung kehren Maria und Joseph noch in der Nacht zurück. In der anderen setzen sie ihre Reise zunächst weiter fort.
  • Die Suche: Eine Darstellung berichtet von einer mehrtägigen Suche durch Jerusalem mit Hilfe einer Wache. Die andere beschreibt ein leichtes Auffinden nach einer Nachfrage in der Herberge.

Nach Böhm wurde auch der Verleger Johannes Busch auf die Unterschiede aufmerksam. Lorber erklärte daraufhin, Cornelius sei nur scheinbar verreist gewesen und habe sich tatsächlich heimlich in Jerusalem aufgehalten.

Böhm hält diese nachträgliche Erklärung für unzureichend. Andere Unterschiede der Handlungsabläufe blieben bestehen. Zusätzlich entstehe die Frage, weshalb Cornelius eine langwierige Suche unterstützen sollte, wenn er den Aufenthalt Jesu im Tempel selbst mitverfolgt habe.

Der christliche Einwand betrifft erneut den Anspruch des Werkes: Wenn derselbe allwissende Jesus beide Berichte unmittelbar diktiert haben soll, sind solche Unstimmigkeiten erklärungsbedürftig. Nachgeschobene Ergänzungen dürfen nicht einfach an die Stelle einer nachvollziehbaren Klärung treten.

Grundlage: Böhm, S. 78–89; dort auch Lorbers Brief an den Herausgeber vom 11. November 1860.

Wenn Widersprüche zum gewollten Teil der Offenbarung werden

Böhm zitiert anschließend aus den „Himmelsgaben“. Darin fragt Lorber selbst nach einem Widerspruch zur Bewohnbarkeit des Saturn. Die Antwort der inneren Stimme erklärt, er habe Wörter überhören müssen, weil der Sprecher es so gewollt habe.

In einem anderen Fall geht es um unterschiedliche Zahlenangaben zu Monden. Die Stimme verweist auf eine spätere Aufklärung und fügt hinzu:

„Mit dem Verstande aber bleibe ein jeder hübsch ferne von Meiner Gabe!“

Jakob Lorber: Himmelsgaben, Band 2, 30. Oktober 1842; zitiert nach Böhm, S. 91.

Damit verschiebt sich die Frage. Zunächst soll die Neuoffenbarung in allen Punkten wahr sein. Wenn Widersprüche auftreten, werden sie als gewollt erklärt oder der sachlichen Prüfung entzogen.

Eine solche Begründung ist aus christlicher Sicht nicht überzeugend. Wenn sowohl die angebliche Fehlerfreiheit als auch der auftretende Fehler die göttliche Herkunft bestätigen sollen, lässt sich der Anspruch nicht mehr ernsthaft prüfen. Das Vertrauen in Christus darf nicht dazu benutzt werden, berechtigte Fragen an einen menschlich übermittelten Text abzuwehren.

Grundlage: Böhm, S. 90–92.

Warum der Vergleich mit der Bibel den Einwand nicht aufhebt

Böhm nimmt den möglichen Hinweis auf unterschiedliche Darstellungen innerhalb der Bibel ausdrücklich auf. Sie unterscheidet das Zeugnis verschiedener menschlicher Verfasser von Lorbers Anspruch eines unmittelbaren, vollkommenen Diktats desselben Sprechers.

Diese Unterscheidung wurde in Teil 3 erläutert. Der Autor dieser Zeilen teilt sie: Biblische Inspiration ist nicht mit der Vorstellung gleichzusetzen, jeder Text sei wortweise durch eine innere Stimme diktiert worden. Textart, geschichtlicher Zusammenhang und Absicht des Verfassers müssen berücksichtigt werden.

Eine neue Schrift, die mit überlegener Naturkenntnis und Fehlerfreiheit für sich wirbt und die biblischen Evangelien korrigieren will, kann sich dieser Prüfung nicht entziehen. Hier wird die Neuoffenbarung an ihrem eigenen Anspruch gemessen.

Grundlage: Böhm, S. 78 und 221–231.

Christliche Einordnung: Unser Vertrauen braucht diese Neuoffenbarung nicht

Böhms Untersuchung stellt den behaupteten wissenschaftlichen Beweis für Lorber grundlegend infrage. Sie zeigt ausgewählte Treffer in ihrem Zusammenhang, untersucht konkrete Naturbehauptungen und führt innere Widersprüche an. Auch die Antworten der inneren Stimme lösen die Probleme nicht überzeugend.

Für uns als Christen folgt daraus eine klare Grenze: Solche Texte können nicht allein aufgrund ihres eigenen Anspruchs als unfehlbare Worte Jesu anerkannt werden. Eine innere Stimme darf ihre Autorität nicht dadurch gegen Kritik absichern, dass sie Zweifel als Versagen des Lesers erscheinen lässt.

Böhm stellt an anderer Stelle das biblische Zeugnis aus 1. Johannes 1,5 heraus: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. An diesem Gott orientiert sich auch die Bewertung dieser Seite. Wahrheit und Vertrauen gehören zusammen; die Zuschreibung einer Aussage an Jesus ersetzt nicht die Prüfung ihres Inhalts.

Die Zurückweisung von Lorbers Neuoffenbarung ist keine Zurückweisung Jesu Christi. Unser Glaube hängt nicht davon ab, naturkundliche Behauptungen eines Neuoffenbarers zu verteidigen. Er richtet sich auf Christus und das Evangelium, das seine rettende Zuwendung bezeugt.

Im nächsten Teil geht es um einen weiteren Prüfbereich: die Aussagen der Neuoffenbarung über Liebe, Kindererziehung und Frauen. Auch dort genügt es nicht, christliche Begriffe zu verwenden; entscheidend ist, ob die Lehre dem darin beanspruchten Jesus entspricht.

Grundlage: Böhm, S. 49–50, 51–92 und 220. Die christliche Schlussfolgerung ist zugleich die Stellungnahme des Autors.

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Quelle: Johanna Böhm: Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht. 2011, S. 49–92 und 220–231. Als Bezugsseite der verwendeten PDF wurde jakoblorber.com angegeben.

Dieser Beitrag fasst die genannten Buchabschnitte zusammen und ordnet ihre Ergebnisse aus christlich-biblischer Sicht ein. Lorberzitate, Sachkritik, Berechnungen und die behandelten Bibelbezüge werden ausschließlich über Böhm wiedergegeben. Die von ihr angeführten Originalveröffentlichungen und naturwissenschaftlichen Angaben wurden für diesen Beitrag nicht unabhängig nachgeprüft; weitere Quellen wurden nicht herangezogen. Abbildungen aus dem Buch werden nicht übernommen.

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