Jakob Lorber: Wie sieht er Jesus?
Welche Rolle spielen Jesus Christus, sein Kreuzestod und die menschliche Mitwirkung in Lorbers Lehre?
Nach Johanna Böhm werden die Unterschiede zwischen der Neuoffenbarung und dem biblischen Evangelium gerade an der Frage der Erlösung deutlich.
Teil 4 der Artikelserie „Jakob Lorber kritisch betrachtet – nach Johanna Böhm“
Jesus Christus steht auch in Jakob Lorbers Schriften im Mittelpunkt. Er spricht zu Menschen, erklärt ihnen Gott und zeigt ihnen einen Weg zum Leben. Doch vertraute Namen und christliche Begriffe beantworten noch nicht die Frage, ob auch die Botschaft mit dem biblischen Evangelium übereinstimmt.
Johanna Böhm sieht gerade bei der Erlösung einen entscheidenden Unterschied. Hat Jesus die Versöhnung mit Gott für uns vollbracht, oder muss der Mensch seine Erlösung durch geistige Entwicklung und eigene Anstrengung selbst erreichen?
Dieser Beitrag fasst Böhms Untersuchung zur Heilslehre, zum Gottesbild und zum Ziel des Menschen bei Lorber zusammen. Die biblischen Vergleiche werden aus ihrem Buch wiedergegeben.
Zur Übersicht der Artikelserie | Zurück zu Teil 3: Lorber und die Bibel
Was bedeutet Jesus innerhalb der Neuoffenbarung?
Bereits in ihrer einführenden Inhaltsübersicht beschreibt Böhm die Neuoffenbarung als einen umfassenden Weg der geistigen Entwicklung. Der Mensch soll seine Selbstsucht überwinden, zur Wiedergeburt gelangen und schließlich zur Gemeinschaft mit Gott zurückkehren.
Jesus habe darin eine zentrale Stellung. Er lebe diesen Weg vor und erläutere den Menschen die Zusammenhänge der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Seine Belehrungen sollen verständlich machen, wie der Mensch sein Ziel erreichen könne.
Böhms Einwand lautet deshalb nicht, dass Jesus bei Lorber überhaupt keine Rolle spiele. Sie fragt nach der Bedeutung dieser Rolle. Nach ihrer Darstellung verlagert sich das Gewicht vom stellvertretenden Tod und der Auferstehung Jesu auf seine Funktion als Lehrer und Vorbild eines Entwicklungsweges.
Grundlage: Böhm, S. 39–42.
Erlösung als Rückweg durch eine geistige Weltordnung
Nach Böhms Zusammenfassung wird die biblische Geschichte bei Lorber in einen eigenen kosmischen Zusammenhang eingeordnet. Der materiellen Welt gehe eine Geisterwelt voraus. Der Fall Satans und seines Gefolges führe zur Bindung in Materie.
Darauf folge ein Entwicklungsweg durch die Naturreiche und das menschliche Leben bis zur Rückkehr in die geistige Welt. Auch nach dem Tod werde dieser Weg in den Jenseitsschilderungen fortgesetzt. Belehrung und Weiterentwicklung sollten schließlich zur Wiedervereinigung mit Gott führen.
Damit bekommt Erlösung einen weitreichenden Sinn: Sie wird Teil eines umfassenden Rückführungsprozesses. Die Frage, was Christus für den Menschen getan hat, verbindet sich mit der Vorstellung, welche Entwicklungsstufen der Mensch selbst durchlaufen müsse.
Grundlage: Böhm, S. 39–42.
Welche Bedeutung erhält die eigene Leistung?
Im Kapitel „Heilslehre“ stellt Böhm die Frage nach dem Verhältnis von Gottes Handeln und menschlicher Selbsttätigkeit ausdrücklich in den Mittelpunkt. Sie zitiert aus dem „Großen Evangelium Johannes“:
„Was sich der Mensch mit seinen ihm verliehenen Kräften nicht als selbsttätig verschafft, das kann und darf ihm auch Gott nicht verschaffen, ohne ihn zu richten!“
Jakob Lorber: Großes Evangelium Johannes, Band 1, Kapitel 220, Vers 6; zitiert nach Böhm, S. 215.
Böhm versteht diese Aussage als Ausdruck einer Lehre, in der der Mensch seine Erlösung selbst vollbringen müsse. Eine weitere von ihr angeführte Passage aus den „Himmelsgaben“ beschreibt Demütigung, genaue Gebotserfüllung und die Unterordnung des eigenen Willens. Erst anschließend werde Gottes Liebe die Wohnstätte des Geistes erwärmen.
Für die Autorin ist diese Reihenfolge entscheidend. Der Mensch müsse sich zunächst durch umfassende Selbstüberwindung in einen Zustand bringen, auf den Gottes Zuwendung folge. Dem stellt sie das Evangelium von einem Gott gegenüber, der verlorenen Menschen bereits entgegenkommt.
Grundlage: Böhm, S. 215–216.
Das Beispiel Zachäus: Wer macht den ersten Schritt?
Böhm stellt der genannten Lorberpassage die Begegnung Jesu mit Zachäus aus Lukas 19 gegenüber. Jesus spricht den Zöllner an und kündigt an, bei ihm einzukehren. Zachäus nimmt ihn auf und erklärt anschließend, sein Verhalten gegenüber anderen ändern und Unrecht wiedergutmachen zu wollen.
In Böhms Gegenüberstellung wird diese Veränderung durch die Begegnung mit Jesus ausgelöst. Jesus wartet nicht darauf, dass Zachäus zuerst ein hinreichendes Maß an geistlicher Vollkommenheit nachweist.
Damit beschreibt Böhm Gnade nicht als etwas, das folgenlos bleibt. Sie betont vielmehr, dass die erfahrene Liebe Gottes den Menschen verändert. Der Unterschied liegt darin, ob diese Zuwendung als verdiente Folge eigener Vervollkommnung oder als unverdientes rettendes Entgegenkommen verstanden wird.
Grundlage: Böhm, S. 215–216; dortiger Vergleich mit Lukas 19,5–10.
Was bedeutet „Es ist vollbracht“?
Besonders deutlich wird Böhms Kritik an der Deutung des Kreuzestodes. Sie verweist auf den zerrissenen Tempelvorhang aus Markus 15,37–38 und auf den Bericht vom Tod Jesu in Johannes 19,28–30. Für sie bezeugen diese Texte den durch Christus eröffneten Zugang zu Gott.
Dem stellt sie eine Passage aus Lorbers „Schrifttexterklärungen“ gegenüber:
„Es ist freilich vollbracht; aber nicht für euch, sondern leider nur für Mich Selbst (…)“
Jakob Lorber: Schrifttexterklärungen zu Johannes 19, 28. Dezember 1843, Verse 12 und 14; gekürzter Auszug, zitiert nach Böhm, S. 218.
In der von Böhm wiedergegebenen Passage wird zugleich von Jesu eigenem Kampf um die Menschen und davon gesprochen, ihren Tod auf sich zu nehmen. Das Kreuz wird also durchaus erwähnt. Ihre Kritik betrifft die Aussage, was damit für die Menschen vollbracht sei.
Böhm sieht in der Einschränkung auf den Sprecher selbst einen Widerspruch zu ihrer biblischen Gegenüberstellung: Christus handelt rettend für Menschen, und durch ihn werden Erlösung und Vergebung geschenkt. Der Kreuzestod ist in diesem Verständnis mehr als die Vollendung eines Weges, den andere nun selbst erfolgreich nachgehen müssten.
Grundlage: Böhm, S. 217–218.
Gnade, die verändert
Auf derselben Buchseite führt Böhm Aussagen aus dem Römerbrief und aus Epheser 1,7 an. Sie hebt damit Gottes Liebe zu Menschen hervor, die noch Sünder sind, sowie Erlösung und Vergebung als Ausdruck seiner unverdienten Güte.
Diese Gegenüberstellung betrifft den Grund der Rettung. Nach Böhms Verständnis – und das sieht der Autor dieser Zeilen ebenso – versöhnt Christus den Menschen mit Gott. Die Veränderung des Lebens erwächst aus dieser Begegnung und seiner Liebe.
Die bei Lorber beschriebenen Anstrengungen zur Selbstüberwindung bewertet sie dagegen als Bestandteil eines anderen Heilsweges. Deshalb behandelt sie die Unterschiede nicht als nebensächliche Fragen religiöser Ausdrucksweise. Es geht darum, worauf ein Mensch seine Hoffnung auf Rettung gründet.
Grundlage: Böhm, S. 215–218.
Das Ziel des Menschen: selbst Gott werden?
Im anschließenden Kapitel „Sein wie Gott“ wendet sich Böhm dem Ziel der menschlichen Entwicklung zu. Sie zitiert Stellen, in denen der Mensch dazu berufen sei, das zu werden, was Jesus selbst ist. Eine weitere Passage bezeichnet ihn als dazu bestimmt, selbst ein Gott zu werden.
Böhm stellt diese Aussagen neben die Versuchungserzählung aus 1. Mose 3,1–5. Dort werde dem Menschen in Aussicht gestellt, wie Gott zu sein. Sie deutet Lorbers Vorstellungen vor diesem Hintergrund als problematische Überschreitung der Stellung des Menschen.
Der Einwand richtet sich gegen das von ihr herausgearbeitete Ziel des Heilsweges. Zur Debatte steht, ob der Mensch als Geschöpf aus Gottes Zuwendung lebt oder ob seine Entwicklung auf das eigene Gottwerden ausgerichtet wird.
Grundlage: Böhm, S. 219; dortige Lorberstellen: Großes Evangelium Johannes, Band 1, Kapitel 155, Vers 5, und Kapitel 3, Vers 5.
Welches Gottesbild steht hinter diesem Weg?
Böhm behandelt außerdem eine Aussage aus dem zweiten Band des „Großen Evangeliums Johannes“. Dort werde jedes Dasein, das göttliche ausdrücklich eingeschlossen, durch gegensätzliche Kräfte beschrieben. Zu den genannten Gegensatzpaaren gehören auch Hass und Liebe, Böses und Gutes sowie Lüge und Wahrheit.
Die Autorin stellt dieser Aussage 1. Johannes 1,5 gegenüber: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Sie sieht darin einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Gottesbild der Neuoffenbarung und dem biblischen Zeugnis.
Für ihre Untersuchung hängen Gottesbild und Heilslehre zusammen. Die Frage lautet nicht nur, welchen Weg Menschen beschreiten sollen, sondern auch, wem sie sich auf diesem Weg anvertrauen.
Grundlage: Böhm, S. 220; dortige Lorberstelle: Großes Evangelium Johannes, Band 2, Kapitel 228, Verse 4–5.
Die Liebe des Vaters statt eines Aufstiegsprogramms
Später im Buch greift Böhm die Frage nach der Erlösung erneut auf. Sie legt das Gleichnis aus Lukas 15,11–32 aus: Der jüngere Sohn kehrt nach seinem Scheitern zum Vater zurück. Er plant, um eine Stellung als Tagelöhner zu bitten. Der Vater aber läuft ihm entgegen, nimmt ihn auf und lässt ein Fest feiern.
Böhm betont, dass der Vater seinen Sohn nicht erst durch ein langes Programm der Selbsterniedrigung schickt. Er begegnet ihm mit Liebe. Auch dem älteren Sohn, der über diese Aufnahme verärgert ist, geht er entgegen.
Die Autorin versteht das Gleichnis als eine Darstellung von Gottes rettender Zuwendung. Sie bezieht es auf die Frage, ob Menschen sich über lange Entwicklungswege zu Gott emporarbeiten müssten oder ob sie seinem Entgegenkommen vertrauen dürfen.
In diesem Zusammenhang schließt sie mit Johannes 3,16–17. Gottes Liebe zeigt sich für sie darin, dass er seinen Sohn zur Rettung der Welt gibt. Das Vertrauen gilt dem rettenden Christus; es setzt kein umfassendes Wissen über kosmische und jenseitige Abläufe voraus.
Grundlage: Böhm, S. 268–275.
Worin liegt für Böhm der entscheidende Unterschied?
Die Untersuchung führt drei miteinander verbundene Fragen zusammen:
- Wer rettet? Böhm stellt Gottes rettendes Handeln in Christus einer von ihr als Selbsterlösung verstandenen geistigen Entwicklung gegenüber.
- Was hat das Kreuz bewirkt? Sie fragt, ob Jesu Werk für die Menschen vollbracht ist oder ob dessen Bedeutung zugunsten ihres eigenen Entwicklungsweges eingeschränkt wird.
- Wohin führt der Weg? Sie unterscheidet das Leben aus Gottes Gnade von dem bei Lorber beschriebenen Ziel, selbst Gott zu werden.
Damit begründet Böhm, weshalb sie in der Neuoffenbarung einen anderen Weg zum Heil erkennt. Dass in beiden Zusammenhängen von Jesus, Liebe und Erlösung gesprochen wird, hebt die dargestellten Unterschiede nicht auf.
Der nächste Beitrag behandelt einen weiteren Begründungsversuch für Lorbers göttliche Inspiration: die Behauptung, seine Schriften hätten wissenschaftliche Erkenntnisse vorweggenommen. Dabei werden die von Böhm untersuchten Naturbehauptungen und Widersprüche vorgestellt.
Nächster Beitrag: Teil 5 – Naturwissen und Widersprüche
Vorheriger Beitrag: Teil 3 – Lorber und die Bibel
Quelle: Johanna Böhm: Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht. 2011, S. 39–42, 214–220 und 268–275. Als Bezugsseite der verwendeten PDF wurde jakoblorber.com angegeben.
Dieser Beitrag fasst die genannten Buchabschnitte in eigenen Worten zusammen. Lorberzitate und die behandelten Bibelvergleiche werden ausschließlich über Böhm wiedergegeben; weitere Quellen wurden für diesen Beitrag nicht herangezogen. Die Originalausgaben Lorbers wurden nicht gesondert geprüft. Abbildungen aus dem Buch werden nicht übernommen.
