Teil 1 der Serie zu Jakob Lorber
Wer war Jakob Lorber, welche Schriften verfasste er und welchen Anspruch erhebt seine Neuoffenbarung?
Der erste Teil fasst Johanna Böhms Darstellung seines Lebens, seiner Werke und des behaupteten göttlichen Diktats zusammen.
Teil 1 der Artikelserie „Jakob Lorber kritisch betrachtet – nach Johanna Böhm“
Jakob Lorber war Musiker und Musiklehrer. Bekannt wurde er jedoch vor allem durch religiöse Schriften, die nach seiner Überzeugung auf ein unmittelbares inneres Diktat zurückgingen. Die Stimme, die er wahrnahm, hielt er für die Stimme Jesu Christi.
Damit steht am Anfang eine entscheidende Frage: Stammt das, was Lorber niederschrieb, tatsächlich von Gott?
Johanna Böhm geht dieser Frage in ihrem Buch „Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht“ nach. Dieser erste Beitrag fasst ihre Darstellung von Lorbers Lebensweg, seinen Werken und dem Anspruch seiner Neuoffenbarung zusammen.
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Warum Johanna Böhm Lorbers Schriften untersuchte
Für Böhm war Lorber zunächst eine religiöse Autorität, mit der sie aufwuchs. Im Prolog ihres Buches schildert sie, dass ihr die Neuoffenbarung während ihrer Kindheit und Jugend als unfehlbare göttliche Wahrheit vermittelt wurde.
Als junge Erwachsene kamen ihr Zweifel. Sie bemerkte Unterschiede zwischen dem Glaubensleben anderer Christen und dem, was sie aus ihrem eigenen Umfeld kannte. Daraufhin begann sie, Lorbers Schriften erneut zu lesen und ihren göttlichen Anspruch zu prüfen.
Das erklärt die Verbindung von Textuntersuchung und persönlicher Auseinandersetzung in ihrem Buch. Für die Zusammenfassung bedeutet es zugleich, diese Ebenen erkennbar auseinanderzuhalten: Eine zitierte Textstelle, eine Schlussfolgerung der Autorin und ein persönliches Erlebnis sind unterschiedliche Arten von Belegen.
Grundlage: Böhm, S. 9–17.
Wer war Jakob Lorber?
Nach Böhms biografischer Darstellung wurde Jakob Lorber am 22. Juli 1800 in Kanischa geboren, im Gebiet des heutigen Slowenien. Er erhielt eine schulische Ausbildung, arbeitete als Lehrergehilfe und begann später eine weiterführende Schullaufbahn, die er schließlich abbrach.
Eine wichtige Rolle spielte die Musik. Lorber gab Unterricht, spielte Violine, komponierte und trat öffentlich auf. Böhm zeichnet dabei das Bild eines musikalisch begabten Menschen, dessen beruflicher Weg von Unsicherheit begleitet war.
Ihre Darstellung stützt sich in diesem Abschnitt wesentlich auf die Biografie von Karl Gottfried Ritter von Leitner, einem persönlichen Freund und Anhänger Lorbers. Die darin enthaltenen Berichte werden hier über Böhms Buch wiedergegeben.
Lorber interessierte sich außerdem für Astronomie und religiöse Fragen. Böhm berichtet von seiner Beschäftigung mit mystischen und theosophischen Schriften, unter anderem von Swedenborg und Jakob Böhme. Auch die Bibel gehörte zu seiner Lektüre.
Nach der im Buch wiedergegebenen Überlieferung starb Lorber am 24. August 1864 in Graz.
Grundlage: Böhm, S. 18–34.
Der Wendepunkt am 15. März 1840
Den entscheidenden Einschnitt datiert Böhm auf den Morgen des 15. März 1840. Lorber bereitete damals eine berufliche Veränderung vor: Ihm war eine Stelle als zweiter Kapellmeister in Triest angeboten worden.
Nach dem von Böhm zitierten Bericht hörte er morgens in der Gegend seines Herzens eine Stimme:
„Steh’ auf, nimm deinen Griffel und schreibe!“
Ritter von Leitner, zitiert nach Böhm, S. 25.
Lorber folgte dieser Aufforderung. Was er innerlich vernahm, schrieb er nieder. Den Beginn bildete das Werk, das als „Die Haushaltung Gottes“ bekannt wurde. Die angebotene Stelle nahm er anschließend nicht an.
In den folgenden 24 Jahren wurde das Schreiben zum Mittelpunkt seines Lebens. Nach den von Böhm angeführten Berichten schrieb Lorber selbst oder diktierte Freunden. Diese beschrieben einen fließenden Vorgang, bei dem er kaum innegehalten habe, um über Formulierungen nachzudenken.
Solche Schilderungen erklären, warum Anhänger seine Arbeitsweise als außergewöhnlich empfanden. Sie belegen zunächst aber, wie Lorber und sein Umfeld den Vorgang beschrieben und deuteten. Ob die empfangenen Inhalte tatsächlich göttlichen Ursprungs sind, ist damit noch nicht entschieden.
Grundlage: Böhm, S. 25–29.
Welche Werke entstanden?
Böhm nennt zahlreiche Schriften. Zu den größeren und bekannteren gehören:
- Die Haushaltung Gottes: Darstellungen über Gott, die Geisterwelt und die Urgeschichte.
- Die Jugend Jesu und Drei Tage im Tempel: Erzählungen über Jesu Kindheit und Jugend.
- Das große Evangelium Johannes: umfangreiche Schilderungen von Jesu Wirken, Gesprächen und Belehrungen.
- Die geistige Sonne, Bischof Martin und Von der Hölle zum Himmel: Darstellungen über das Jenseits und die Entwicklung von Seelen.
- Der Mond, Der Saturn, Die natürliche Sonne und Die Erde: Aussagen über die Beschaffenheit der Welt und ihre geistige Bedeutung.
- Himmelsgaben: eine Sammlung einzelner Kundgaben neben den größeren Werken.
Das „Große Evangelium Johannes“ umfasst nach Böhms Darstellung zehn von Lorber stammende Bände; ein elfter Band wurde von Leopold Engel verfasst. Es ist vom biblischen Johannesevangelium zu unterscheiden.
Die Themen reichen somit von Naturvorgängen über Heilmittel bis zu umfassenden Aussagen über Schöpfung, Erlösung und das Leben nach dem Tod.
Grundlage: Böhm, S. 26–27 und 39–42.
Was bedeutet „Neuoffenbarung“?
Böhm erläutert, dass sich für solche als neu empfangen verstandenen göttlichen Mitteilungen der Begriff „Neuoffenbarung“ eingebürgert habe.
Schon zu Lorbers Lebzeiten wurden einzelne Texte gedruckt. Um ihn entstand ein Kreis von Freunden und Lesern, die seine Schriften als Vertiefung, Fortsetzung und auch Korrektur biblischer Aussagen verstanden.
Für Böhms Kritik ist dieser letzte Punkt besonders wichtig. Wer eine Schrift als Korrektur der Bibel anerkennt, räumt ihr die Befugnis ein, über den Inhalt und die richtige Auslegung biblischer Texte zu entscheiden.
Das betrifft auch die persönliche Lektüre. Ein Mensch kann Lorber als hilfreiche Ergänzung kennenlernen und dabei zunehmend die Bibel durch dessen Erklärungen verstehen. Deshalb untersucht Böhm, welche Autorität die Neuoffenbarung für sich selbst beansprucht.
Grundlage: Böhm, S. 35–38 und 43–48.
Welches Weltbild beschreibt das Buch?
Nach Böhms Zusammenfassung stellt Lorbers Lehre die sichtbare Welt in einen umfassenden geistigen Zusammenhang.
Der materiellen Schöpfung gehe eine Geisterwelt voraus. Der Fall Satans und seines Gefolges führe zur Bindung in Materie. Anschließend werde ein Entwicklungsweg beschrieben, der durch die Naturreiche und das menschliche Leben bis zur Rückkehr in die geistige Welt führe.
Auch nach dem Tod setze sich diese Entwicklung fort. In den Jenseitsschilderungen würden Seelen geführt, belehrt und schrittweise weiterentwickelt.
Jesus stehe im Mittelpunkt dieses Weges. Böhm arbeitet jedoch bereits in ihrer einführenden Inhaltsübersicht eine entscheidende Verschiebung heraus: In der von ihr dargestellten Lehre liege das Gewicht darauf, dass Jesus den Weg zur Erlösung vorlebe und erkläre. Die Bedeutung seines stellvertretenden Todes und seiner Auferstehung werde dadurch gegenüber dem biblischen Evangelium zurückgedrängt.
Diese theologische Kritik wird in einem späteren Beitrag ausführlicher behandelt. Für den Einstieg ist entscheidend: Böhm versteht die Neuoffenbarung als ein umfassendes religiöses System, das biblische Erzählungen in einen eigenen Zusammenhang einordnet.
Grundlage: Böhm, S. 39–42.
Warum Menschen diese Schriften überzeugend finden
Böhm beginnt ihr Buch mit der menschlichen Suche nach Herkunft, Sinn und Zukunft. Lorbers Schriften versprechen dazu außergewöhnlich detaillierte Antworten.
Sie erzählen von der Entstehung der Welt, von geistigen Wesen, von Vorgängen auf anderen Himmelskörpern und vom weiteren Schicksal Verstorbener. Auch Fragen, die in den biblischen Texten nicht ausführlich beantwortet werden, erhalten hier scheinbar eine Erklärung.
Die Anziehungskraft liegt damit unter anderem im Eindruck, einen umfassenden göttlichen Plan verstehen zu können. Vertraute Namen wie Jesus und Johannes erleichtern den Zugang für christliche Leser. Zugleich können die kosmischen und jenseitigen Schilderungen Menschen ansprechen, die nach esoterischem Wissen suchen.
Böhm macht verständlich, warum solche Texte Menschen Halt geben können. Ihre Untersuchung fragt anschließend, ob auf die vermittelten Antworten Verlass ist.
Grundlage: Böhm, S. 9–17 und 39–42.
Welchen Anspruch erhebt die Neuoffenbarung?
Böhm stellt im Kapitel über den Anspruch der Neuoffenbarung mehrere miteinander verbundene Aussagen heraus:
Erstens: unmittelbare göttliche Herkunft
Lorbers Texte sollen direkt von Gott beziehungsweise Jesus Christus stammen.
Zweitens: umfassende Zuverlässigkeit
Die von Böhm angeführten Stellen verlangen Vertrauen in die Wahrheit der übermittelten Aussagen. Daraus ergibt sich für ihre Untersuchung die Frage, ob sich Fehler und Widersprüche mit diesem Anspruch vereinbaren lassen.
Drittens: Vorrang gegenüber der Bibel
Böhm führt Textstellen an, in denen die biblischen Evangelien abgewertet und Lorbers Mitteilungen als Wiederherstellung der reinen Lehre dargestellt werden.
Viertens: Verbindung mit der Wiederkunft Christi
Die Autorin zeigt, dass die neue Offenbarung in den von ihr zitierten Texten mit einem erneuten Kommen Christi in Verbindung gebracht wird.
Böhm zieht daraus den Schluss, dass die Neuoffenbarung eine weitreichende religiöse Autorität beansprucht. Es geht daher um mehr als zusätzliche Einzelheiten über Jesu Leben. Zur Prüfung steht, ob diese Schriften bestimmen dürfen, wer Jesus ist, was er gelehrt hat und wie Menschen zu Gott finden.
Grundlage: Böhm, S. 43–48.
Die Frage für die weitere Untersuchung
Der erste Teil von Böhms Buch macht deutlich, worauf ihre Kritik zielt: Lorber schrieb umfangreiche Texte nieder, die nach seinem Verständnis unmittelbar von Jesus kamen. Diese Texte entwerfen ein eigenes Weltbild und erheben nach Böhms Untersuchung den Anspruch, auch biblische Aussagen zu korrigieren.
Damit ist der Maßstab für die folgenden Beiträge gesetzt. Die behauptete Herkunft und der Umfang eines Werkes reichen als Begründung seiner Wahrheit nicht aus. Entscheidend wird, was die Texte tatsächlich aussagen und wie tragfähig ihr Anspruch ist.
Im nächsten Teil geht es deshalb um das „innere Wort“: Wie beschreibt Böhm dieses Phänomen, welche Erklärungen stellt sie vor, und was lässt sich daraus über Lorbers Offenbarungsanspruch ableiten?
Nächster Beitrag: Teil 2 – Das „innere Wort“: Beweist eine Stimme göttliche Offenbarung?
Quelle: Johanna Böhm: Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht. 2011, S. 9–48. Als Bezugsseite der verwendeten PDF wurde jakoblorber.com angegeben.
Dieser Beitrag fasst die genannten Buchabschnitte in eigenen Worten zusammen. Historische Berichte und Lorberstellen werden über Böhm wiedergegeben; die zugrunde liegenden Originalausgaben wurden für diesen Beitrag nicht gesondert geprüft. Abbildungen aus dem Buch werden nicht übernommen.
