Teil 2: Jakob Lorber und „das innere Wort“

Jakob Lorber kritisch betrachtet

Jakob Lorber

Jakob Lorber hielt seine innere Stimme für die Stimme Jesu Christi.

Wie beschreibt Johanna Böhm dieses Erlebnis, welche Erklärungen diskutiert sie und was lässt sich daraus über den Wahrheitsanspruch der empfangenen Texte ableiten?

Teil 2 der Artikelserie „Jakob Lorber kritisch betrachtet – nach Johanna Böhm“

Jakob Lorber verstand seine Schriften als das Ergebnis eines inneren Diktats. Er hielt die Stimme, die er wahrnahm, für die Stimme Jesu Christi. Doch dass eine Stimme mit dem Namen Jesu auftritt, macht sie noch nicht zur Stimme des wahren Gottes.

Der Autor dieser Zeilen beurteilt Lorbers Schriften aus christlich-biblischer Sicht als dämonisch inspiriert. Sein „inneres Wort“ ist nach dieser Überzeugung keine Offenbarung des wahren Gottes, sondern dem Spiritismus beziehungsweise Channeling zuzuordnen.

Diese Bewertung gründet sich auf den im Buch beschriebenen medialen Offenbarungsempfang, das okkultistische Umfeld und die Lehren, die dem biblischen Evangelium widersprechen. Johanna Böhms Untersuchung liefert dafür die Textgrundlage. Ihre Darstellung und die eigene christliche Schlussfolgerung des Autors werden im Folgenden kenntlich gemacht.

Zur Übersicht der Artikelserie | Zurück zu Teil 1: Leben, Werk und Anspruch

Wie beschrieb Lorber seine innere Stimme?

Im ersten Teil wurde bereits der Bericht über den 15. März 1840 vorgestellt. An diesem Morgen soll Lorber in der Gegend seines Herzens die Aufforderung zum Schreiben gehört haben. Nach seiner Deutung begann damit eine unmittelbare Mitteilung Gottes.

Böhm gibt außerdem eine Lorber zugeschriebene Briefpassage wieder. Darin beschreibt er das „innere Wort“ als besonders klar und deutlich. Andere Menschen könnten es nicht hören. Für ihn selbst sei es dennoch eindringlicher als ein äußerlich wahrnehmbarer Ton.

Die Autorin macht auf die Überlieferung dieser Beschreibung aufmerksam: Die betreffende Passage sei in der ersten gedruckten Ausgabe von Ritter von Leitners Biografie nicht enthalten. Später verfolgt sie die Herkunft und Verwendung des Briefzitats genauer. Schon hier deutet sich deshalb eine zweite Frage an: Wie zuverlässig ist das Bild, das spätere Veröffentlichungen vom Empfang der Texte vermitteln?

Grundlage: Böhm, S. 163–164 und 183–186.

Wer bestätigt, dass die Stimme von Jesus stammt?

In den von Böhm angeführten Texten spricht die Stimme mit göttlicher Autorität. Sie belehrt Lorber, fordert ihn zum Weiterschreiben auf und erklärt den Vorgang selbst. Böhm zitiert dazu eine Passage aus der „Haushaltung Gottes“, in der die Stimme sagt:

„Ich muß dir ja wie einem Abcbuben jedes Wort einzeln in die Feder sagen“

Jakob Lorber: Die Haushaltung Gottes, Band 1, Kapitel 11, aus den Versen 2–3; zitiert nach Böhm, S. 164.

Damit schildert der Text ein wortweises Diktat. Doch die Erklärung stammt aus derselben Quelle, deren Herkunft geprüft werden soll. Die Stimme beansprucht, von Gott zu kommen, und begründet ihre Autorität durch ihre eigenen Aussagen.

Für Böhms Untersuchung reicht diese Selbstbestätigung nicht aus. Sie verweist auf Naturbehauptungen, innere Widersprüche sowie ethische und theologische Unterschiede zur Bibel. Der Autor dieser Zeilen teilt diesen Einwand: Die Behauptung einer Stimme, sie sei Jesus, darf das biblische Zeugnis über Jesus Christus nicht außer Kraft setzen.

Eine neue Mitteilung muss nach ihrem Inhalt beurteilt werden. Wenn sie das Evangelium verfälscht und zugleich göttlichen Gehorsam fordert, ist ihr christlicher Wortschatz kein Grund, ihr zu vertrauen.

Grundlage: Böhm, S. 164–165.

Welche Rolle könnten Lorbers eigene Vorstellungen gespielt haben?

Böhm fragt, ob sich in den vermeintlichen Reden Jesu auch Lorbers eigene Interessen und Erfahrungen wiederfinden. Sie beschreibt Parallelen zwischen seinem Bedürfnis nach Anerkennung und der Art, wie Jesus in der Neuoffenbarung Überlegenheit gegenüber anderen vorführe.

Auch den Zeitpunkt des ersten Offenbarungserlebnisses bezieht sie in ihre Deutung ein. Lorber stand vor einem beruflichen Wechsel nach Triest. Mit der neuen Aufgabe als „Schreibknecht“ erhielt sein Leben eine andere Ausrichtung. In seinem Freundeskreis konnte er nun als Vermittler göttlicher Antworten auftreten.

Die Autorin deutet diese Zusammenhänge als Hinweise darauf, dass persönliche Bedürfnisse und Lebensumstände in das Offenbarungserleben eingegangen sein könnten. Das sind ihre psychologischen Interpretationen der überlieferten Berichte. Was Lorber dabei im Einzelnen empfand oder beabsichtigte, lässt sich damit nicht unmittelbar feststellen.

Ein anschauliches Beispiel findet Böhm in einer nachträglichen Geburtstagsmitteilung. Lorber entschuldigt sich darin zunächst, eine Kundgabe zu spät übermittelt zu haben. In der anschließenden, Gott zugeschriebenen Botschaft wird die Verspätung als Absicht der göttlichen Stimme erklärt. Böhm sieht hier eine Vermischung persönlicher Umstände mit der behaupteten Offenbarung.

Grundlage: Böhm, S. 165–169.

Spiritismus und Channeling unter christlichem Namen

Unter Channeling wird in dieser Bewertung der Anspruch verstanden, Mitteilungen einer als eigenständig wahrgenommenen geistigen Quelle zu empfangen und weiterzugeben. Genau einen solchen Vorgang beschreibt Lorbers Selbstdarstellung: Eine fremde Stimme spricht, Lorber hört zu und schreibt oder diktiert das Empfangene.

Dass er diese Quelle Jesus nennt und sich als dessen „Schreibknecht“ versteht, ändert die Form des Vorgangs nicht. Aus Sicht des Autors tritt hier eine mediale Botschaft mit christlichem Namen und göttlichem Autoritätsanspruch auf.

Die Einordnung als Spiritismus bezieht sich zusätzlich auf den Geisterverkehr und die Jenseitsvorstellungen, die Böhm in der Neuoffenbarung beschreibt. Dazu gehören Mitteilungen über Verstorbene, deren weitere Entwicklung und geistige Führung. Böhm weist außerdem ausdrücklich auf okkultistische Praktiken hin und nennt als Beispiel Hinweise zum Tischerücken in den „Himmelsgaben“.

Die christliche Sprache macht diesen Umgang mit der Geisterwelt nicht zu einer verlässlichen Offenbarung Gottes. Wir sollten ihn an seiner geistlichen Ausrichtung und seinen Aussagen beurteilen.

Grundlage: Böhm, S. 39–42 und 163–165. Die Begriffe Spiritismus und Channeling kennzeichnen hier die Einordnung des Autors.

Warum der Autor von dämonischer Inspiration spricht

Böhm referiert eine von Max Heimbucher vertretene Deutung als dämonische Beeinflussung. Der Autor dieser Zeilen teilt diese geistliche Beurteilung. Sie ist für ihn kein beiläufiger Erklärungsversuch, sondern die christliche Konsequenz aus dem beanspruchten Offenbarungsempfang und den untersuchten Inhalten.

Die Neuoffenbarung legt einer Stimme, die als Jesus auftritt, Aussagen in den Mund, welche die Autorität der biblischen Evangelien angreifen und einen anderen Weg zum Heil beschreiben. Böhm arbeitet diese Unterschiede in den Kapiteln über die Bibel, die Heilslehre und das Gottesbild heraus.

Nach ihrem Vergleich wird Gottes rettendes Handeln in Christus gegenüber einem Weg der eigenen geistigen Vervollkommnung zurückgedrängt. Auch Aussagen über das Wesen Gottes stellt sie dem biblischen Zeugnis gegenüber: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis, wie es in 1. Johannes 1,5 heißt.

Aus dieser christlich-biblischen Sicht kommen Lorbers Schriften nicht vom wahren Gott. Der Autor sieht darin eine dämonische Täuschung, die unter dem Namen Jesu von dessen Evangelium wegführt. Es genügt deshalb nicht, die Quelle wegen ihrer religiösen Sprache oder wegen des Vertrauens ihrer Anhänger für gut zu halten.

Der Maßstab dieser Bewertung ist der Inhalt der Lehre. Die Stärke eines inneren Erlebnisses, der Umfang eines Werkes oder eine feierliche Anrede Gottes beweisen keine göttliche Herkunft.

Grundlage: Böhm, S. 165 und 211–220. Die ausdrückliche Einordnung als dämonisch inspirierte Lehre ist die theologische Stellungnahme des Autors.

Psychologische Erklärungen beantworten eine andere Frage

Böhm diskutiert auch psychiatrische und religionspsychologische Erklärungen. Diese gehören zur Darstellung ihres Buches, auch wenn der Autor die geistliche Beurteilung der Schriften in den Mittelpunkt stellt.

Psychiatrische Deutungen und eine Gegenposition

Böhm führt Einschätzungen von Hans Heimann und Antoinette Stettler-Schär an, die Lorbers Erleben als Ausdruck einer psychischen Erkrankung interpretierten. Sie bespricht dazu biografische Berichte, Briefe und sprachliche Merkmale seiner Texte.

Das Buch nennt zugleich eine Gegenposition: Bernhard Grom widerspreche der Einordnung als Schizophrenie und verweise auf selbst hervorgerufene innere Wahrnehmungen bei anderen Medien. Böhm setzt sich damit auseinander und hält diese Erklärung insbesondere für den Beginn von Lorbers Offenbarungserleben für unzureichend.

Diese historischen Einschätzungen werden hier als die im Buch diskutierten Positionen wiedergegeben, nicht als gesicherte Diagnose Lorbers. Böhm betont im späteren Abschnitt selbst, dass sich Vermutungen über seinen geistigen Zustand nur mit großer Vorsicht aufstellen lassen.

Die geistliche Beurteilung einer Lehre ist von einer psychiatrischen Diagnose zu unterscheiden. Eine psychische Erkrankung ist kein Beweis für dämonische Beeinflussung. Umgekehrt hängt die christliche Bewertung von Lorbers Schriften nicht davon ab, ob sich sein damaliges Erleben medizinisch eindeutig erklären lässt. Entscheidend bleiben der beanspruchte Sprecher und die vermittelte Lehre.

Grundlage: Böhm, S. 165 und 170–175; ergänzend S. 194.

Wurde wirklich ohne Fehler und Korrekturen geschrieben?

Zum überzeugenden Bild des Offenbarungsempfangs gehört die Vorstellung, Lorber habe seine Texte unmittelbar und fehlerfrei niedergeschrieben. Böhm hält dieser Darstellung Hinweise auf Verbesserungen in den Handschriften und andere Aussagen über den Schreibvorgang entgegen.

Besonders wichtig ist ihr der Vergleich zwischen Ritter von Leitners biografischer Handschrift und späteren Druckfassungen. Nach ihrer Darstellung fehlen in den gedruckten Fassungen Passagen, in denen Schwierigkeiten des Empfangs und die Fehleranfälligkeit des Schreibens zur Sprache kommen.

In einem von ihr wiedergegebenen Abschnitt gestehe Lorber selbst ein, unrichtig und verbesserungsbedürftig zu schreiben. Er habe außerdem erklärt, durch äußeren Lärm und die bildliche Vorstellung des Gehörten abgelenkt zu werden und Wörter zu überhören. Andere Beschreibungen rückten dagegen ein nahezu mechanisches Schreiben in den Vordergrund.

Böhm sieht darin ein Problem für das verbreitete Bild eines zweifelsfrei reinen Diktats. Die Frage nach der Überlieferung und Bearbeitung der Texte wird in Teil 8 ausführlicher aufgegriffen. Hier betrifft sie zunächst die Zuverlässigkeit der Berichte über das „innere Wort“ selbst.

Grundlage: Böhm, S. 168–169 und 180–186.

Wie entsteht das Bild eines besonders geeigneten Empfängers?

Ein weiterer Einwand Böhms betrifft die Darstellung von Lorbers Persönlichkeit. Die Neuoffenbarung zeichne selbst ein Bild ihres Empfängers: bescheiden, demütig, wenig gelehrt und gerade deshalb geeignet, Gottes Worte unverfälscht weiterzugeben.

Wird dieses Bild übernommen und anschließend als Beweis für die göttliche Herkunft der Schriften verwendet, entsteht nach Böhms Argumentation ein Zirkelschluss. Die Schriften bestätigen den Empfänger, und das daraus gewonnene Bild des Empfängers soll wiederum die Schriften bestätigen.

Die Autorin stellt dem Hinweise auf Lorbers Bildung, Interessen und frühere Lektüre gegenüber. Unter anderem behandelt sie die Frage, welchen Einfluss Swedenborgs Schriften gehabt haben könnten. Ihr Einwand richtet sich gegen die Vorstellung, Lorber sei ein weitgehend unbeeinflusster Mensch gewesen, dessen Texte sich deshalb nur durch eine höhere Quelle erklären ließen.

Grundlage: Böhm, S. 186–195.

Warum Böhm zur Vorsicht gegenüber vermeintlichen Gottesstimmen mahnt

In einem gesonderten Abschnitt behandelt Böhm die sogenannten Alexander-Morde. Anhand der von ihr zitierten Berichterstattung schildert sie einen Fall, in dem religiös gedeutete Stimmen und vermeintlich göttliche Anweisungen mit schwerer Gewalt verbunden waren.

Für ihre Argumentation soll das Beispiel zeigen, dass ein äußerlich frommes Leben die göttliche Herkunft einer inneren Stimme nicht bestätigt. Ebenso fragt sie nach den Folgen, wenn eine als göttlich verstandene Anweisung nicht mehr hinterfragt wird.

Der geschilderte Fall liefert jedoch weder eine Diagnose Lorbers noch einen Beleg dafür, dass Menschen, die seine Schriften lesen, allgemein gewalttätig seien. Für die Zusammenfassung bleibt der begrenzte Zusammenhang entscheidend: Eine religiöse Selbstdeutung darf die Prüfung einer beanspruchten Autorität nicht ersetzen.

Grundlage: Böhm, S. 176–179.

Christliche Konsequenz: Dieser Stimme nicht vertrauen

Böhm stellt das vertraute Bild infrage, Lorber habe als besonders einfacher und demütiger Mensch ein fehlerfreies göttliches Diktat empfangen. Sie verweist auf unterschiedliche Beschreibungen des Empfangs, persönliche Einflüsse, problematische Überlieferungen und konkurrierende Erklärungen seines Erlebens.

Der Autor dieser Zeilen zieht daraus zusammen mit der Prüfung der Lehrinhalte eine klare geistliche Schlussfolgerung: Lorbers Neuoffenbarung ist für ihn Spiritismus beziehungsweise Channeling mit christlicher Verkleidung. Ihre Inspiration beurteilt er als dämonisch; sie stammt nach seiner christlich-biblischen Überzeugung keineswegs vom wahren Gott.

Wer Christus sucht, braucht sich einer solchen Stimme nicht zu unterstellen. Unser Vertrauen gilt dem Jesus Christus, den die Bibel bezeugt, und seinem Evangelium der rettenden Gnade. Eine angebliche Offenbarung, die dieses Zeugnis korrigieren und überbieten will, darf nicht an seine Stelle treten.

Diese Kritik richtet sich gegen die Lehre und ihren Anspruch. Menschen, die Lorber lesen oder ihm vertrauen, sollen mit Achtung angesprochen werden. Eine klare Warnung vor geistlicher Täuschung und ein respektvoller Umgang mit den Betroffenen gehören zusammen.

Im nächsten Teil geht es um Lorbers Verhältnis zur Bibel: Wird sie durch die Neuoffenbarung erläutert, oder soll sie durch eine neue Autorität korrigiert und überboten werden?

Nächster Beitrag: Teil 3 – Lorber und die Bibel: Ergänzung, Korrektur oder übergeordnete Autorität?

Vorheriger Beitrag: Teil 1 – Leben, Werk und Anspruch der Neuoffenbarung


Quelle: Johanna Böhm: Jakob Lorber – Eine kritische Durchsicht. 2011, S. 39–42, 163–195 und 211–220. Als Bezugsseite der verwendeten PDF wurde jakoblorber.com angegeben.

Dieser Beitrag fasst die genannten Buchabschnitte in eigenen Worten zusammen und bewertet Lorbers Lehre aus christlich-biblischer Sicht. Die genannten Autoren, historischen Berichte und Lorberstellen werden ausschließlich über Böhm wiedergegeben; weitere Quellen wurden nicht herangezogen. Die Einordnung als Spiritismus, Channeling und dämonische Inspiration ist die ausdrücklich gekennzeichnete theologische Stellungnahme des Autors. Abbildungen aus dem Buch werden nicht übernommen.

Schreibe einen Kommentar